Die Bedeutung von gesundem Risikoverhalten und wie es resiliente Kinder fördert
In dieser dreiteiligen Serie zum Thema psychische Gesundheit von Kindern erfahren Sie mehr über Perfektionismus, gesundes Risikoverhalten und Alltagsgewohnheiten zur Stärkung der emotionalen Widerstandsfähigkeit von Kindern, damit Sie Ihr Kind selbstbewusst erziehen und sein Wohlbefinden fördern können.
Wenn es Sie nervös macht, Ihrem Kind dabei zuzusehen, wie es auf einen Baum klettert, von hohen Spielgeräten springt oder mit Freunden mit dem Fahrrad in den Park fährt, sind Sie nicht allein.
Die Welt kann manchmal wie ein beängstigender und gefährlicher Ort wirken, und alle Eltern möchten ihr Kind beschützen. Gleichzeitig müssen Kinder Risiken eingehen und neue Dinge ausprobieren, um zu lernen und zu wachsen.
Es kann schwierig sein, das richtige Gleichgewicht zwischen der Förderung von Sicherheit und Abenteuerlust bei unseren Kindern zu finden. Aber wenn wir es richtig machen, sind die Vorteile enorm. Untersuchungen zeigen, dass es Wunder für die psychische Gesundheit, das Selbstvertrauen und die Unabhängigkeit von Kindern bewirken kann, wenn sie die Möglichkeit erhalten, abenteuerlich zu spielen und angemessene Risiken einzugehen1.
Wie sieht also gesundes Risikoverhalten aus? Und wie können wir unsere Kinder am besten dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten zu entdecken, ohne uns dabei krank vor Sorge zu machen?
Die Vorteile angemessener Risikobereitschaft für Kinder und Jugendliche
Lassen Sie uns zunächst eines klarstellen: Es ist niemals eine gute Idee, wenn Kinder rücksichtsloses oder extrem gefährliches Verhalten an den Tag legen. Wenn es lebensbedrohlich, mit hohem Risiko verbunden oder illegal ist, sollten Sie sie davon abhalten und ein ernsthaftes Gespräch darüber führen.*
Abenteuerliches Spielen birgt naturgemäß immer ein gewisses Risiko. Es kann jedoch hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass es auch schädlich sein kann, Kinder daran zu hindern, Risiken einzugehen.
Untersuchungen zu den Vorteilen, wenn Kinder bereit sind, Risiken einzugehen legen nahe, dass diejenigen, die mehr Zeit mit abenteuerlichem Spielen verbringen, seltener unter Angstzuständen und allgemeineren psychischen Problemen leiden1. Abenteuerliches Spiel kann ihnen auch helfen, sich wohlzufühlen, ihre Grenzen auszutesten, ihre Emotionen zu regulieren und Fähigkeiten zur Problemlösung und Bewältigung von Herausforderungen zu entwickeln.
Abenteuerliches Spielen wird definiert als das Spielen, bei dem Kinder Gefühle wie Aufregung, Nervenkitzel und Angst erleben, meist während sie gesunde Risiken eingehen2. Es überrascht wohl kaum, dass Kinder am abenteuerlichsten im Freien und in Grünanlagen wie Parks, Wäldern und offenen Grasflächen spielen können. Direkt danach folgen Indoor-Spielzentren, Trampolinparks und Spielplätze1.
Indem sie Kindern ermöglichen, ihre Fähigkeiten zu entdecken, können Eltern ihnen helfen, Selbstvertrauen aufzubauen und ihre Unabhängigkeit zu stärken – ganz zu schweigen davon, dass Kinder dadurch nicht so viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Es ist auch beruhigend zu wissen, dass für Kinder, die in westlichen Gesellschaften aufwachsen, das Risiko, sich beim Spielen zu verletzen, sehr gering ist3.
Arten von gesundem Risikoverhalten für Kinder und Jugendliche
Es kann schwierig sein, genau zu bestimmen, wie altersgerechte Risiken aussehen. Kinder gleichen Alters sind zu unterschiedlichen Zeiten zu unterschiedlichen Dingen fähig. Oft hilft es, sich daran zu orientieren, was sie sich selbst zutrauen.
Vielleicht klettert Ihr kleines Kind auf einen Baum, der höher ist, als Ihnen lieb ist. Oder Ihr 10-Jähriger möchte mit dem Fahrrad um den Block fahren. Oder Ihr junger Teenager bittet darum, ohne Aufsicht mit Freunden ins Kino zu gehen. In all diesen Fällen kann es hilfreich sein, sich zu fragen: „Wenn ich meinem Kind das erlaube, was wird es über sich selbst lernen und was könnte es entdecken, wozu es fähig ist?“
In anderen Fällen geht es vielleicht darum, ihm zunächst dabei zu helfen, Fähigkeiten auszubauen. Bitten Sie Ihr Kind zum Beispiel, nach dicken Ästen am Baum zu suchen, auf die es klettern kann. Oder fahren Sie mit Ihrem Kind mit dem Fahrrad durch die Nachbarschaft, um ihm die Verkehrsregeln beizubringen. Oder vereinbaren Sie mit Ihrem Teenager, wohin und wie lange er ausgehen darf. Das trägt nicht nur zu seiner Sicherheit bei, sondern hilft auch Ihnen, sich wohler dabei zu fühlen, ihm etwas Freiheit zu geben, um neue und aufregende Erfahrungen zu machen.
Wenn Sie sich dennoch Sorgen machen, ist das in Ordnung. Sie versuchen nur herauszufinden, was das Beste für Ihr Kind ist. Alle Eltern haben Zweifel darüber, welche Risiken für ihr Kind angemessen sind. Wenn Kinder älter werden, werden Sie als Eltern auf unterschiedliche Weise herausgefordert, also denken Sie daran, auch nachsichtig mit sich selbst zu sein.
Wie Helikopter-Erziehung nach hinten losgehen kann
Helikopter-Erziehung, auch als überfürsorgliche Erziehung bekannt, wird weithin als ein Erziehungsstil angesehen, bei dem Eltern wie Hubschrauber über ihren Kindern „schwebend“ bereitstehen, um sie vor jeglichem Schmerz oder Leid zu bewahren. Dazu kann gehören, Kinder davon abzuhalten, Risiken einzugehen, sich übermäßig in ihre Freundschaften oder ihr Schulleben einzumischen und bei jedem Problem zur Rettung zu eilen. Viele Helikopter-Eltern rufen ihren Kindern möglicherweise auch regelmäßig „Sei vorsichtig!“ zu.
Obwohl meist gut gemeint, kann Helikopter-Erziehung Kinder behindern. Sie wird auch mit Ängsten im Kindesalter in Verbindung gebracht 2. Das liegt daran, dass Kinder, denen nicht die Möglichkeit gegeben wird, eigene Fehler zu machen und ihre Probleme selbst zu lösen, anfangen können, an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Außerdem verpassen sie möglicherweise die Gelegenheit zu lernen, wie man mit den Enttäuschungen des Lebens umgeht.
Das bedeutet nicht, dass Kinder nicht angemessen beaufsichtigt oder bei Bedarf von ihren Eltern getröstet werden sollten – nur, dass Kinder oft fähiger sind, als ihre Helikopter-Eltern vielleicht annehmen.
Wenn Sie glauben, dass Sie bisher als Helikopter-Eltern gehandelt haben, machen Sie sich keine Sorgen – es ist nie zu spät, zum Landeplatz zurückzufliegen und einige Änderungen vorzunehmen. Elternsein ist voller Herausforderungen. Die richtige Balance zwischen übermäßiger und zu geringer Fürsorge zu finden, ist nicht immer einfach. Wenn Sie den richtigen Mittelweg finden, können Sie Ihrem Kind helfen zu entdecken, dass es, wenn es hinfällt, wirklich wieder aufstehen kann – und all die Aufregung und den Spaß genießen, die damit einhergehen.
Wenn Ihr Kind Probleme hat...
*Wenn Ihr Kind oder Ihr Teenager unsichere oder extrem riskante Verhaltensweisen zeigt, ist es möglich, dass es emotionale Probleme hat. Wenn Sie besorgt sind, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder eine medizinische Fachkraft. Hilfe und Beratung stehen zur Verfügung.
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Quellen
- Dodd, H.F., Nesbit, R.J. & FitzGibbon, L. Child’s Play: Examining the Association Between Time Spent Playing and Child Mental Health. Child Psychiatry Hum Dev 54, 1678–1686 (2023). https://doi.org/10.1007/s10578-022-01363-2
- Dodd, H.F., Lester, K.J. Adventurous Play as a Mechanism for Reducing Risk for Childhood Anxiety: A Conceptual Model. Clin Child Fam Psychol Rev 24, 164–181 (2021). https://doi.org/10.1007/s10567-020-00338-w
- Nauta, J., Martin-Diener, E., Martin, B. W., van Mechelen, W., & Verhagen, E. (2015). Injury risk during different physical activity behaviours in children: A systematic review with bias assessment. Sports Medicine, 45, 327–336. https://doi.org/10.1007/s40279-014-0289-0