Perfektionismus bei Kindern verstehen und wie er mit Angstzuständen zusammenhängen kann
In dieser dreiteiligen Serie über die psychische Gesundheit von Kindern erfahren Sie mehr über Perfektionismus, gesundes Risikoverhalten und Alltagsgewohnheiten, die die emotionale Widerstandsfähigkeit von Kindern stärken, damit Sie selbstbewusst erziehen und das Wohlbefinden Ihres Kindes fördern können.
Ist Ihr Kind oft verärgert, wenn es kleine Fehler macht? Oder gibt es schnell auf, wenn es etwas Neues ausprobiert? Das könnten Anzeichen für Perfektionismus sein.
Perfektionismus mag auf den ersten Blick nicht besonders schädlich erscheinen. Als Elternteil fragen Sie sich vielleicht sogar: Was ist falsch daran, wenn mein Kind hohe Ziele hat oder versucht, sein Bestes zu geben?
Zwar können hohe Erwartungen von Vorteil sein, doch wenn Kinder das Gefühl haben, perfekt sein zu müssen, kann dies zu psychischen und körperlichen Gesundheitsproblemen führen. Untersuchungen zeigen, dass Perfektionismus eng mit Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen verbunden sein kann1. Und wenn nichts dagegen unternommen wird, hält die Angst aus der Kindheit meist bis ins Erwachsenenalter an2.
Die gute Nachricht ist: Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind perfektionistische Tendenzen zeigt, gibt es viele Möglichkeiten, wie Sie helfen können, das Blatt zu wenden. Von der Erkennung früher Anzeichen bis hin zur Normalisierung von Fehlern – erfahren Sie, wie Sie Ihrem Kind helfen können, Perfektionismus zu überwinden.
Was sind die Anzeichen für Perfektionismus bei Kindern?
Perfektionismus ist eine Eigenschaft, die in jeder Phase der Kindheit oder Jugend auftreten kann. Er kann durch genetische oder umweltbedingte Faktoren verursacht werden. Die American Psychological Association beschreibt ihn wie folgt:
„Die Tendenz, von anderen oder von sich selbst ein extrem hohes oder sogar makelloses Leistungsniveau zu verlangen, das über das hinausgeht, was die Situation erfordert. Er wird mit Depressionen, Angstzuständen, Essstörungen und anderen psychischen Problemen in Verbindung gebracht.“
Bei kleinen Kindern kann sich dies darin äußern, dass sie ihre Zeichnungen stark übermalen oder zerreißen. Ältere Kinder vermeiden es möglicherweise, neue Dinge auszuprobieren, weil sie befürchten, dass sie darin nicht gut sein werden. Weitere Anzeichen für Perfektionismus bei Kindern und Jugendlichen können sein:
- Unrealistische oder extrem hohe Erwartungen an sich selbst (z. B. in Bezug auf Schule, Sport, Musik, Tanz oder den eigenen Körper)
- Angst oder Aufregung wegen kleiner Fehler
- Selbstkritik und negative Selbstgespräche („Ich bin hoffnungslos, ich kann nichts richtig machen, ich bin nicht gut/hübsch/klug genug, ich bin ein Versager“)
- Ständige Sorge um die eigene Leistung
- Viel Zeit für kleine oder einfache Aufgaben aufwenden
- Angst vor dem Versagen
- Herausforderungen vermeiden
- Schnelles Aufgeben oder Zurückhaltung beim Ausprobieren neuer Dinge
- Das Verlangen nach Bestätigung und Beruhigung
- Probleme mit Freundschaften, einschließlich der Vermeidung sozialer Situationen
Wie man Kindern hilft, Perfektionismus zu überwinden
Ihrem Kind zu zeigen, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen und manchmal zu scheitern, ist eine der einfachsten Möglichkeiten, wie Sie helfen können. Ob ein Kleinkind sein Getränk verschüttet, ein Kind ein Wort falsch ausspricht oder ein Teenager vergisst, seine Hausaufgaben zu machen – wie Sie reagieren und was Sie als Nächstes sagen, kann einen großen Unterschied machen.
- Zu einem Kleinkind könnte man sagen: „Ups, lass uns das Tuch holen und das gemeinsam aufwischen.“
- Sie können den Satz wiederholen, indem Sie das Wort richtig aussprechen, ohne jedoch auf den Fehler des Kindes hinzuweisen. Wenn ein Kind beispielsweise sagt: „Ich esse Pasghetti“, könnten Sie antworten: „Ja, du isst Spaghetti, sind die nicht lecker?“
- Zu Ihrem Teenager könnten Sie sagen: „Wir alle vergessen manchmal Dinge. Würde es helfen, wenn du dir in deinem Kalender eine Erinnerung einrichtest, deine Hausaufgaben zu machen?“
Ein sehr kritischer oder übermäßig strenger Erziehungsstil und unrealistische Erwartungen können mit Perfektionismus und Ängsten bei Kindern in Verbindung gebracht werden3. Wenn Kinder Angst vor Fehlern und elterlicher Kritik haben, streben sie aufgrund dieser Sorge möglicherweise nach Perfektion. Deshalb kann es so hilfreich sein, sich einen Moment Zeit zu nehmen über seine Antworten nachzudenken. Indem Sie Fehlern – oder sogar schlechten Entscheidungen – mit Empathie und Anleitung begegnen, helfen Sie Ihrem Kind, wirklich daraus zu lernen und zu wachsen.
Es ist auch hilfreich, Ihrem Kind von eigenen Fehlern und Misserfolgen zu erzählen und davon, wie Sie diese überwunden haben. Das trägt dazu bei, diese als etwas Normales darzustellen, und zeigt Ihrem Kind, dass auch Sie nicht perfekt sind, was den Druck auf Ihr Kind verringern kann. Außerdem ermutigt es Ihr Kind, mit Ihnen zu sprechen, wenn etwas schiefgeht, anstatt zu schweigen, weil es Angst hat, dass Sie es vielleicht missbilligen könnten.
Denken Sie daran: Sie sind das wichtigste Vorbild für Ihr Kind. Wenn Sie selbst auch ein wenig perfektionistisch sind, und dann liebevoll mit sich selbst umgehen wenn Sie Fehler machen, sendet das eine wichtige Botschaft.
Eine weitere Möglichkeit, Ihrem Kind zu helfen, Perfektionismus zu überwinden, besteht darin, es für seine Bemühungen statt für Ergebnisse zu loben. Wenn Eltern sich auf Ergebnisse konzentrieren, können Kinder manchmal das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein, selbst wenn sie ihr Bestes geben. Ihre Bemühungen zu würdigen hilft Ihrem Kind hingegen, eine Growth Mindset (Wachstumsdenken) zu entwickeln, bei dem Fehler und Misserfolge Teil des Lernprozesses sind.
Dafür kann es hilfreich sein, etwas Konkretes zu finden, das Ihr Kind beim Versuchen gut gemacht hat, und es dafür zu loben, egal wie alt oder jung es ist:
„Ich finde es toll, wie du einen Kreis für das Gesicht des Löwen gezeichnet hast/die erste Sprosse der Klettergerüste erreicht hast/drei ganze Sekunden lang Fahrrad gefahren bist/die erste Zeile des Liedes auf dem Klavier gespielt hast/eine Stunde lang für diese Prüfung gelernt hast.“
Es kann auch helfen, die Gefühle und Frustrationen des Kindes anzuerkennen und ihm anschließend Mut zuzusprechen:
„Es kann frustrierend sein, wenn wir Dinge nicht sofort schaffen. Du schaffst es jetzt noch nicht, aber du wirst es schaffen.“
„Es ist schwer, aber du kannst schwierige Dinge schaffen. Möchtest du eine Pause machen oder weitermachen?“
„Fehler können einem ein schlechtes Gefühl geben, aber sie helfen uns auch, zu lernen und zu wachsen. Sie sind gut für uns.“
Die Vorteile hoher (aber realistischer) Erwartungen gegenüber Perfektionismus für Kinder
Wenig oder gar nichts von Kindern zu erwarten, ist keine Lösung für Perfektionismus. Es geht darum, die richtige Balance zu finden zwischen zu geringen und zu hohen Erwartungen. In Kombination mit einem warmherzigen und unterstützenden Erziehungsstil kann diese das Selbstvertrauen des Kindes stärken und ihm helfen, seine Ziele zu erreichen, ohne sein Wohlbefinden zu beeinträchtigen.
Hohe, aber realistische Erwartungen an Ihr Kind zu haben, zeigt ihm, dass Sie an es glauben. Es ermutigt außerdem, neue Dinge auszuprobieren, und lehrt den Wert harter Arbeit. All dies trägt wesentlich dazu bei, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, später im Leben Erfüllung zu finden.
Denken Sie daran, dass extrem hohe Erwartungen von überall her kommen können, sei es von zu Hause, der Schule, Sportvereinen, Tanzschulen oder anderswo. Je früher Sie erkennen, wo Ihr Kind sich möglicherweise übermäßig unter Druck gesetzt fühlt, desto eher können Sie das Problem angehen.
Vor allem kann eine enge und unterstützende Beziehung zu Ihrem Kind ihm helfen, eine Wachstumsmentalität anzunehmen und sich zu entfalten. Oft sind dafür keine großen Veränderungen nötig. Es kann so einfach sein, kleine Fehler durchgehen zu lassen, gemeinsam mit Ihrem kleinen Kind lustige Bilder zu malen oder Ihrem Teenager von der Zeit zu erzählen, als Sie selbst eine Prüfung in der Schule nicht bestanden haben. Indem Sie ihm zeigen, dass niemand perfekt ist, und Ihr Kind so akzeptieren, wie es ist, anstatt wie es sein könnte, öffnen Sie die Tür zu einer Welt voller strahlender Möglichkeiten.
Wenn Ihr Kind Probleme hat...
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind mit Perfektionismus, Ängsten oder psychischen Problemen zu kämpfen hat und möglicherweise zusätzliche Unterstützung benötigt, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder eine Gesundheitsfachkraft. Hilfe und Beratung stehen zur Verfügung.
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Quellen
- Lunn, J., Greene, D., Callaghan, T., & Egan, S. J. (2023). Associations between perfectionism and symptoms of anxiety, obsessive-compulsive disorder and depression in young people: a meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy, 52(5), 460–487. https://doi.org/10.1080/16506073.2023.2211736
- Melissa Mulraney, David Coghill, Caitlin Bishop, Yasemin Mehmed, Emma Sciberras, Michael Sawyer, Daryl Efron, Harriet Hiscock (2021). A systematic review of the persistence of childhood mental health problems into adulthood. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, Volume 129, 182-205. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.07.030
- Carmo, C., Oliveira, D., Brás, M., & Faísca, L. (2021). The Influence of Parental Perfectionism and Parenting Styles on Child Perfectionism. Children (Basel, Switzerland), 8(9), 777. https://doi.org/10.3390/children8090777